Alte Gemäuer erzählen Geschichten
Die Sakristei der Bad Wilsnacker Kirche wurde viele Jahre restauriert. Dabei traten einige Geheimnisse zutage.
Ein Beitrag von Oliver Gierens im Nordkurier vom 13.08.2026
Rund 20 Besucher drängen sich an diesem Mittwochnachmittag in der kleinen Sakristei der Wunderblutkirche St. Nikolai in Bad Wilsnack. Es ist bereits das zweite Mal, dass die Gemeinde und der Förderverein zu einer Führung eingeladen hat. „Beim ersten Mal waren sogar 40 Personen da“, freut sich Jochen Purps, Vorsitzender des Fördervereins der Wunderblutkirche.
Hier befand sich früher eine Gruft
Zusammen mit Björn Scheewe, Restaurator aus Lenzen, zeigte er den Gästen einige Geheimnisse, die sich in dem kleinen Raum links neben dem Chor verbergen. Lange Zeit war die Sakristei gar nicht öffentlich zugänglich. Denn der Raum war bis 2019 durch eine Wand geteilt: Im hinteren Teil befand sich eine Gruft. Hier standen fünf bis sechs Särge der Familie von Saldern, die nun auf der Empore ihre letzte Ruhestätte gefunden haben.
Davon zeugt noch ein früheres Fenster, das später zu einer Tür umgebaut wurde. Hier befand sich der Zugang zur Saldern-Gruft. Inzwischen ist der Durchgang zugemauert. Ob er in diesem Zustand erhalten bleiben soll, ist laut Purps aber noch nicht abschließend geklärt.
Entdeckt wurde in der Sakristei aber noch mehr, erläutert Scheewe, der das Sanierungsprojekt seit 2019 begleitet: So fand man bei den Bauarbeiten eine Kelleröffnung, die über 500 Jahre alt ist. Wer allerdings auf spektakuläre Funde gehofft hatte, wurde enttäuscht. Dennoch weckte allein die Vorstellung, einen jahrhundertelang verschlossenen Ort wiederentdeckt zu haben, eine große Spannung.
Neue Fenster, altes Gemäuer
Während die Fenster in der Sakristei und der Wunderblutkapelle vor drei Jahren von der schweizerisch-japanischen Künstlerin Leiko Ikemura neu gestaltet wurden, spiegelt der Farbzustand in der Sakristei laut Scheewe etwa den Stand um das Jahr 1470 wider. Das Gewölbe ist mit einer Farbe auf Kalkbasis in Weiß gehalten. Das Gemäuer hingegen ist dunkelrot mit einer Farbe auf Kaseinbasis. Die Fugenstriche, die nicht immer ganz regelmäßig sind, nehmen die weiße Farbgebung wieder auf.
Auch die Tür der Sakristei birgt ein Geheimnis. Das ursprüngliche Schloss, das inzwischen wieder eingebaut worden ist, wurde einst aufgebrochen – vielleicht von napoleonischen Truppen, als sie Anfang des 19. Jahrhunderts in Wilsnack einfielen. Danach wurde eine Replik eingebaut, inzwischen zeigt man wieder das Original.
Renoviert wurde die Sakristei seit 2019 mit „einem oberen fünfstelligen Betrag“ aus Mitteln der evangelischen Landeskirche, wie Purps im Gespräch mit unserer Redaktion erläutert. Geplant sei, die Sakristei künftig als Winterkirche zu nutzen. Auch Kinovorführungen oder ähnliche Veranstaltungen passen gut zu dem kleinen, aber geheimnisvollen Raum.
Ein Altar ist in der Sakristei jedenfalls vorhanden. Laut Scheewe wurde er nachträglich eingebaut, sodass eine Theorie besagt, dass der Raum ursprünglich nicht als Sakristei genutzt wurde. Grund ist die Bauzeit der zweiten Wunderblutkirche. Der Bau begann um 1445, das Langschiff wurde erst um 1525 vollendet. Auch heute wandelt sich die Funktion des kleinen Raumes erneut. Traditionell dient eine Sakristei zur Vorbereitung des Pfarrers auf den Gottesdienst. Zudem werden hier liturgische Gewänder, Bücher und Gefäße aufbewahrt.